Von Romy Bornscheuer, Europeans For Humanity

„Hallo, mein Name ist Nasir. Ich bin 27 Jahre* alt und komme aus Afghanistan.“ sagt der junge Mann verschüchtert in die Kamera und lacht nervös.

Wir treffen ihn in einem kleinen Park in Mytilene auf der griechischen Insel Lesvos.
Normalerweise trifft man hier viele Migrant*innen, doch die Ausgangssperre für Geflüchtete wurde gerade zum sechsten Mal verlängert, während das Leben für Einheimische und Touristen in normalen Bahnen läuft.
Die Bars sind gut gefüllt, der Strand voll und Corona ist in den Hintergrund gerückt, zumindest für die, die einen europäischen Pass haben. Denn alle anderen leben in Zelten, eingesperrt hinter Mauern und Zäunen in Moria.

Nasir ist schon als Kind mit seiner Familie in den Iran gezogen und dort aufgewachsen.
Auf Grund der schwierigen Lebensumstände haben seine Mutter und zwei Geschwister das Land vor sechs Jahren verlassen und leben inzwischen in Deutschland.
Er und zwei weitere Schwestern blieben zurück, doch vor knapp drei Jahren wurde die Lage auch für sie zu gefährlich und sie beschlossen die Flucht nach Europa zu wagen.
Ihr Weg begann in den Autos von Schleusern, immer wieder mussten sie umsteigen und nach einer Weile verloren sie die Orientierung.
„Als wir an die Grenze kamen, mussten wir für acht Stunden laufen, weil die Grenzlinie von der Polizei bewacht wird.
Es waren noch 20 weitere Menschen bei mir. Auch sie waren Afghanen.“

Alles was er bei sich hatte, war ein Rucksack, doch der lange Weg setzte ihm zu und sie mussten viele Berge überqueren, sodass er auch sein letztes Hab und Gut zurücklassen musste, um den Rest des Weges zu schaffen.
An der Grenze musste er mit ansehen, wie Menschen vor seine Augen ermordet wurden.
Doch er schaffte es über die Grenze und erreichte später die türkische Hauptstadt und dann Izmir, die Stadt am Meer, die alle Migrant*innen auf dem Weg nach Europa durchqueren.
„Als wir das erste Mal versuchten den Weg über das Meer zu wagen, wurden wir von der Polizei aufgegriffen.
Beim zweiten Mal wurden wir von der türkischen Küstenwache gestoppt.
Erst beim dritten Versuch erreichten wir Lesvos.“

Das war vor 2,5 Jahren, seitdem ist Nasir in Griechenland.
„Ich war so unglaublich glücklich als ich endlich einen Fuß auf festen Boden gesetzt hatte. Die Türkei war in weite Ferne gerückt.
Ein Bus hat uns am Strand abgeholt und zum Registrierungszentrum gebracht.
Doch damals wusste ich noch nicht, was Europa wirklich bedeuten würde.“

Das „Zentrum“ ist Moria, Europas größtes Flüchtlingscamp und ausgelegt um 3.000 Menschen kurzfristig zu beherbergen.
Doch inzwischen Leben dort sechs Mal so viele Menschen und wie auch Nasir, sind sie gezwungen über Monate und Jahre hinweg dort zu bleiben.
„Moria ist ein schlimmer Ort. Man nimmt den Menschen ihre Träume und ihre Zukunft.
Die Menschen müssen mit viel Stress und Druck umgehen und deswegen werden viele Menschen psychisch krank.“ erzählt Nasir und man sieht ihm an, wie sehr er um Worte ringt.
„Monatlich bekommen wir nur 90€. Davon müssen wir Lebensmittel kaufen, den Bus bezahlen, einfach alles.“.

Seit drei Monaten wohnt Nasir bei französischen Freunden in der Stadt: „Ich habe großes Glück gehabt.“.

Ein Roller fährt vorbei und er stoppt kurz. Wir fragen ihn, wie er es schafft, all diese Dinge zu verarbeiten.
Sein Durchhaltevermögen beeindruckt uns, sein Optimismus scheint unbrechbar: „Ich habe drei Psychologen besucht und gelernt, immer wieder aufzustehen. Ich muss stark sein, einen Job finden, weiterziehen.“

Wir fragen ihn nach seinen Plänen für die Zukunft und er erzählt uns, dass er sein Englisch verbessern möchte.
Vor der Ausgangssperre hat er Englischkurse in einer kleinen Schule belegt, doch jetzt hat sie geschlossen, aber Nasir lässt sich nicht unterkriegen und lernt alleine weiter.
Und wenn er seine Papiere hat, will er nach Hamburg ziehen, denn dort lebt der Rest seiner Familie.

Seine Mutter hat er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen: „Eine lange Zeit“ sagt er und man sieht Tränen in seinen Augen.

*Nasir weiß sein genaues Alter nicht, da er seinen Geburtstag nie gefeiert hat.

Unser Mitglied Romy Bornscheuer ist derzeit wieder in Moria.
Die 21 – Jährige Medizinstudentin hat vor einiger Zeit das Netzwerk “Europeans for Humanity” gegründet und wird uns hier immer wieder von ihrer Arbeit, den Zuständen vor Ort und ihren Eindrücken berichten.